Presselounge

"Für die Familie würde ich alles opfern"

04.02.07 -

Für den Biathlonsport war Ricco Groß ein Volltreffer. Der mehrmalige Olympiasieger und Weltmeister beendet nach den Titelkämpfen in Antholz seine Karriere. Franziska van Almsick sprach mit ihm über ein Leben ohne Gewehr und Startnummer.

Er ist einer der größten Biathleten aller Zeiten. Olympiasieger 1992, 94, 98 und 2006. Die Weltmeisterschaft in Antholz wird seine letzte sein. Nach dieser Saison ist Schluss für Ricco Groß, 36, den neunmaligen Titelträger. Franziska van Almsick, 28, die nach ihrer Karriere als Schwimmerin für die "Welt am Sonntag" exklusive Interviews führt, traf Groß vor der Geburt ihres Sohnes zum Gespräch.

Franziska van Almsick: Endspurt, Ricco! Sie sind auf der Zielgeraden Ihrer Karriere. Diese Weltmeisterschaften werden Ihre letzten sein, oder?

Ricco Groß: Ja. Ich muss sagen, dass ich sie noch mal richtig genieße, diese letzte Saison. Im Nachhinein finde ich: Es war ein großes Privileg, als Sportler all das erlebt haben zu können. Das Glück, einmal entdeckt, dann gefördert und schließlich gefordert worden zu sein. Ich habe es bis in die Weltspitze geschafft. Ich bin dankbar, dass mein Körper so lange mitgespielt hat.

Von richtigen Sportverletzungen sind Sie verschont geblieben.

Groß: Allerdings. Ein paar Kleinigkeiten, das war alles. Es waren insgesamt zehn Tage Schmerzen in 16 oder 17 Jahren Leistungssport.

Was kommt nach dieser letzten Saison? Sechs Wochen Urlaub am Stück, ein Trainerjob, oder haben Sie die Nase voll vom Biathlon?

Groß: Biathlon war bis jetzt mein Leben und ist es noch immer. Da würde ich nie sagen, ich hätte die Nase voll davon. In dem Sport irgendwie weiterzuarbeiten, das wäre schon sehr interessant für mich - auf welchem Gebiet auch immer.

Im Sport-Marketing vielleicht?

Groß: Sicherlich auch eine Variante. Ich habe mir schon ein paar Gedanken über meine Zukunft gemacht. Ich wünsche mir einen relativ fließenden Übergang, aber ich werde keine Startnummer mehr tragen.

Haben Sie ein wenig Angst davor, in ein Tief zu fallen?

Groß: Es ist nicht mehr jeden Tag messbar, ob es ein guter oder ein schlechter Tag war. Das ist für uns Sportler natürlich sehr, sehr einfach. Am Abend konntest du immer einschätzen: Ja, das war ein gelungener Tag, er hat dich nach vorn gebracht.

Künftig werden andere Dinge Vorrang haben. Die Familie zum Beispiel.

Groß: Der Sport hat mein ganzes Leben geprägt, keine Frage. Aber wenn jetzt irgendwo von den Kindern oder von meiner Frau kommen würde, dass es eigentlich ganz nett wäre, wenn ich öfter mal zu Hause wäre, dann hätte ich damit kein Problem. Für die Familie würde ich alles opfern.

Wie es scheint, hat sich aber nie jemand wirklich beschwert.

Groß: Mein Vorteil war, dass sich Katrin, meine Frau, ausgekannt hat, als sie mich kennenlernte. Sie wusste, auf was sie sich bei mir einlässt.

Ist man als Biathlet denn so viel unterwegs?

Groß: Rein theoretisch könnte ich von Mai bis November in Ruhpolding trainieren. Man macht natürlich zwischendurch Lehrgänge, mal einen Radkurs auf Mallorca, mal einen auf Sardinien. Im Sommer folgen dann Höhentrainingslager mit der Gruppe.

Früher habe ich immer gedacht, die Wintersportler legen im Sommer die Beine hoch.

Groß: Und denken: Hoffentlich schneit es erst im Dezember.

So ähnlich. Aber ihr trainiert auf Rollen, ich weiß.

Groß: Ende März sind die letzten Weltcups. Im April machen wir Urlaub, eine Woche. Im Mai legen wir bereits wieder mit dem normalen Training los.

Womit? Laufen oder Schießen?

Groß: Man versucht, beides getrennt voneinander zu trainieren. Joggen, Radfahren, Skirollertraining, Bergläufe - es gibt viele Möglichkeiten, Ausdauer zu trainieren. Nach und nach wird dann das Gewehr integriert.

Es muss angenehm sein, immer in der Natur trainieren zu können.

Groß: Du kannst es genießen, jeden Tag an der frischen Luft zu sein, das stimmt. Es gibt in Skandinavien ein paar Ecken, wo man ganz zurückgezogen trainieren kann, wo man sich nachmittags um drei schon die Stirnlampe aufsetzen muss, weil es bereits dunkel wird.

Sie haben so viele Goldmedaillen gewonnen. Gibt es eine mit ganz besonderem Wert für Sie?

Groß: Jede Medaille ist schön, da sind wir uns einig. Und es war wichtig, dass ich jede von ihnen gewonnen habe.

Sie würden also alle großen Siege auf eine Stufe stellen?

Groß: Na ja. Die Weltmeisterschaft 2004 in Oberhof war schon etwas Besonderes. Ich habe neben Gold mit der Staffel meinen Titel in der Verfolgung verteidigen können, das war irre. Und das vor deutschem Publikum. Das Rennen verlief absolut spektakulär. Wenn man in solch einem Rennen eine Hauptrolle abkriegt und am Ende nicht in irgendeiner Statistik auftaucht, sondern derjenige sein darf, der gewinnt, dann ist es einfach großartig.

Bekommen Sie beim Laufen eigentlich mit, was Ihnen die Trainer so zurufen?

Groß: Ja, wir sind immer sehr gut informiert. Einige Trainer greifen psychologisch tief in die Trickkiste.

Die rufen dann, Sie seien Fünfter, obwohl Sie längst Dritter sind?

Groß: Nein, das nicht. Sie rufen, ich müsse noch mal Gas geben, weil es bei dem ganz vorn schlecht aussieht. Das baut einen natürlich auf.

Was ich beim Biathlon so bewundere, ist das ruhige Händchen, das man mit Puls 180 am Schießstand benötigt. Ich habe gehört, es soll für jeden einen ganz speziellen Schießpuls geben, der gar nicht so niedrig ist. Man benötigt diesen Puls, um im Takt zu schießen.

Groß: Absolut richtig. Du musst ihn genau erwischen. Das muss man im Gefühl haben. Um 165 muss ich in meinem Fall schon hinkommen, um das Schießen stabil verlaufen zu lassen. Ist der Puls zu niedrig, überträgt er sich direkt in die Waffe. Das ist unangenehm.

Ich habe gehört, dass Sie in Ihrer Freizeit gern lesen. Gibt es ein Buch, das Ihnen besonders gefallen hat?

Groß: Ja. "Einer meiner Tage" von Matti Nykänen.

Nykänen? Das ist doch der ehemalige finnische Skispringer.

Groß: Genau, der Olympiasieger. Ein großer Sportler und gescheiterter Mensch.

Er landete im Gefängnis, oder?

Groß: Ich war mit dem Buch gerade durch, da las ich in der Zeitung, dass er des Mordes angeklagt worden ist. Sein Buch trägt den Beinamen "Grüße aus der Hölle".

Apropos Hölle. Wie stehen Sie zum Thema Doping? Man hat das Gefühl, nichts und niemanden mehr davon freisprechen zu können.

Groß: Das ist schlimm, was da passiert. Dass mittlerweile sehr oft und gerne manipuliert wird. Ich hätte nie geglaubt, dass das Ganze mal so eine Richtung einschlägt. Wir Biathleten hatten immer geglaubt, dass wir da außen vor seien - bis zu Olga Pylewa.

Die in Turin überführt wurde und ihre Medaille wieder abgeben musste. Meinen Sie, dass es eine Zukunft ohne Doping geben wird?

Groß: Das hoffe ich. Und ich glaube es auch. In Deutschland wird sehr streng kontrolliert. Das ist gut so. Andere Nationen gehen damit doch eher etwas leger um. Man müsste dringend ein einheitliches Kontrollsystem finden. Mehr als gläsern kann man als Athlet ja nicht sein. Ich muss mittlerweile alles angeben: wo ich wann bin, wo ich mich wann aufhalten möchte. Aber das geht nur den Besten so, die werden aber sowieso immer kontrolliert. Es wäre viel interessanter, eine Stufe weiter unten mit den Kontrollen anzufangen. Klar. Die aus dem Nichts kommen, sind diejenigen, die einen verwundern.

Groß: Das sind die heißen Kandidaten, ganz genau.

<< zurück