Presselounge

Groß: "Ich bin aufgeregt wie ein kleiner Schuljunge"

06.02.07 -

Nach 17 Jahren im Weltcup beendet der 36 Jahre alte Biathlet Ricco Groß nach dieser Saison seine Karriere. Der Wahlruhpoldinger errang bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften insgesamt 26 Medaillen, beim Weltcup stand er 53-mal auf dem Podest. An Dienstag bestreitet er mit dem Wettkampf über 20 Kilometer bei den Weltmeisterschaften in Antholz/Italien (14.03 Uhr, ARD live) sein vielleicht letztes Einzelrennen bei Welttitelkämpfen.

WELT.de: Herr Groß, im Sprint und in der Verfolgung wurden Sie nicht einsetzt, wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?
Ricco Groß: Das war schon hart, immerhin war es seit 17 Jahren der erste WM-Sprint, bei dem ich nicht dabei war. Die beiden Rennen habe ich vor dem Fernseher verfolgt, weil ich mich bis Sonntag noch gut in Ridnaun (Österreich - d.R.) vorbereitet habe. Jetzt freue ich mich riesig, dass es für mich endlich losgeht.

WELT.de: Sie haben gute Erinnerungen an Antholz.
Groß: Allerdings. Vor einem Jahr, nachdem mich zwei Hexenschüsse vor den Olympischen Spielen beinahe in die Knie gezwungen hatten, schaffte ich beim Weltcup einen Sieg und einen zweiten Platz. Ich habe hier sehr oft Glücksmomente wie diese erlebt und viele Siegerehrungen mitgemacht.

WELT.de: In den vergangenen Jahren haben oft Außenseiter das WM-Einzelrennen gewonnen. Was trauen Sie sich zu?
Groß: Also eins vorneweg: Ich bin dieses Mal klar der Außenseiter. Eine Einzelmedaille wäre sicher das I-Tüpfelchen für mich. Wenn man das Glück hat, eine gute Gruppe zu erwischen, kann man im Sog der Topleute läuferisch über sich hinaus wachsen. Dann muss man nur noch am Schießstand bestehen, und schon ist man ganz vorn dabei. Ich habe mich jedenfalls sehr mit dem Schießen beschäftigt. Denn eine Strafminute pro Fehlschuss ist schon verdammt viel.

WELT.de: Sie gehören zu den besten Schützen im Weltcup, wie verbessert man seine Leistung mit dem Kleinkalibergewehr?
Groß: Man muss sehr viel Zeit mit der Waffe verbringen. Zum Schießen mit scharfer Munition kommt das Trockentraining, wo immer wieder der Ablauf am Schießstand geübt wird. In Ridnaun habe ich zuletzt 1000 Schuss abgefeuert. Ich habe mir eine Taktik zurecht gelegt und hoffe, dass sie aufgeht. Aber egal, wie es im Einzel ausgeht, die Erfolge meiner Karriere kann mir keiner wegnehmen. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich den Biathlonsport mitprägen durfte und damit ein Teil seiner Geschichte bin.

WELT.de: Steht die Mannschaft nach dem schlechten Abschneiden bisher nun besonders unter Druck?
Groß: Im Biathlon wird von Deutschen immer eine gute Platzierung erwartet, die Erwartungshaltung haben wir uns durch unsere vielen Erfolge selbst eingebrockt.

WELT.de: Verspüren Sie Wehmut angesichts ihrer letzten WM?
Groß: Ich habe gar nicht so richtig die Zeit dazu, sentimental zu werden. Aber natürlich ist in dieser Saison jedes Rennen auch etwas Besonderes, weil es das letzte an dem jeweiligen Ort ist. Das Emotionale kann ich also nicht ganz wegdrücken.

WELT.de: Sind Sie nach so vielen Jahren vor einem Rennen überhaupt noch aufgeregt?
Groß: Klar, wenn ich abgebrüht sein würde, wäre ich nicht hier. Ich bin aufgeregt wie ein kleiner Schuljunge.

WELT.de: Wie wird sich der Biathlonsport weiterentwickeln. Befürchten Sie ein Ende des Booms?
Groß: Dadurch, dass sich die Leistungen, Prämien, Sponsorengelder und Einschaltquoten schrittweise entwickelt haben, wird es keinen Einbruch geben. In Deutschland haben wir genug Talente, die die Lücken ehemaliger Topleute schließen können. International wird der Erfolg auch davon abhängen, wie sich Biathlon über die Grenzen Europas hinaus weiterentwickelt.

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