Am Start wird es mir kalt den Rücken
17.01.07 -Ricco Groß, bis zum Sonntag werden Sie in Ihrer Wahlheimat Ruhpolding zum letzten Mal Weltcuprennen bestreiten. Das hier ist Ihr Stadion, Ihr Publikum, mit welchen Gefühlen gehen Sie in die Wettkämpfe?
Ricco Groß: Man muss Profi genug sein, um alles, was mit Wehmut zu tun hat, von sich fernzuhalten. Sicher, ich versuche, das Beste daraus zu machen, so dass ich mir nachher sagen kann: ,Ich habe um jeden Meter gekämpft, wie es nur ging‘. Aber Ruhpolding kann ich nur als Zwischenziel auf dem Weg zur WM in Antholz sehen.
Bleibt überhaupt kein Platz für Sentimentalitäten?
Groß: Klar, am Start wird es mir irgendwann kalt den Rücken runter laufen und ich werde Gänsehaut kriegen. Aber dann gilt mein Focus nur den Scheiben. So komme ich am besten in mein Programm rein.
Vor einer Woche haben Sie in Oberhof beim Weltcup Ihren Abschied gegeben. Wie haben Sie das erlebt?
„Am 1. April beginne ich die Trainerausbildung an der Sporthochschule Köln”
Groß: Da sind schon die Erinnerungen hochgekommen. Die Oberhofer WM 2004 wirkt noch nach. Immerhin bin ich da Weltmeister in der Verfolgung und in der Staffel geworden, und dann kam noch Silber im Sprint dazu. Das waren Highlights meiner Karriere. Und ich habe mich natürlich gefreut, dass ich nun das Kapitel Oberhof mit einem guten Wettkampf abschließen konnte.
Das ist nun Ihre 17. Weltcupsaison, Sie galten stets als Perfektionist, als Musterprofi. Woher haben Sie den Antrieb genommen, Ihre Karriere so konsequent durchzuziehen?
Groß: Biathlon war ja mein Leben. Es hat immer Spaß gemacht. Auch das Training. Und wenn dann die Erfolge kamen, war ich gleich wieder motiviert für das nächste Jahr. Weil ich das, was ich gewonnen hatte, verteidigen wollte.
Das klingt nicht so, als ob es Ihnen leicht fiele, den Schlusspunkt zu setzen?
Groß: Ich bin jetzt 36, das ist ein schönes Alter, in dem man den Umstieg noch ganz gut schafft. Ich bin froh, dass ich den Biathlonsport mitprägen konnte und was hinterlassen habe, dass ich in den Ergebnislisten verewigt bin. Das erfüllt einen auch mit Stolz, aber irgendwann sollte auch Schluss sein. Ich habe sowieso nur ein Jahr länger gemacht, weil die WM in Antholz stattfindet.
Was bedeutet Ihnen denn dieser Ort?
Groß: Dort war ich in meiner Laufbahn am meisten bei Siegerehrungen dabei. Und das Podest ist auch diesmal das Ziel. Es wäre ein perfekter Abschluss.
Wir werden in Antholz also einen Ricco Groß in Topform erleben?
Groß: Biathlon ist ein Sport, in dem sehr viel möglich ist. Gerade wenn man sich mental eine gewisse Stärke angeeignet hat, kann man noch einmal Berge versetzen.
Es haben ja schon einige Biathleten aus der glorreichen Garde der 90-er Jahre aufgehörte. Haben Sie die mal gefragt, ob ihnen nicht der Leistungssport abgeht?
Groß: Mit Mark Kirchner habe ich oft darüber gesprochen. Er hat ja einen fließenden Übergang ins Trainerstudium gemacht. Er und auch Frank Luck haben nicht so viel vermisst. Es ist ja nicht nur der Moment, den man bei der Siegerehrung erlebt. Es liegen ja einige Tausend Kilometer davor, und auch einige Tausend Schuss, um das einmal erleben zu dürfen. Als Spitzensportler ist man einem permanenten Leistungsdruck ausgesetzt. Den baut man sich selber auf, er kommt vom Trainer, dem Publikum, der Presse. Das fällt jetzt alles weg. Da freue ich mich auch darauf.
Wie geht es dann weiter?
Groß: Am 1. April beginne ich die Trainerausbildung an der Sporthochschule in Köln. Das dauert drei Jahr, und in diesen drei Jahren kann sich sehr, sehr viel tun.
Naheliegend wäre ja, dass Sie beim Fernsehen einen Kommentatoren-Posten übernehmen...
Groß: Mit mir hat noch niemand gesprochen. Man wird sich wohl zusammensetzen. Aber das sind Dinge, die ich mir für nach der Saison aufhebe. Ich möchte erst das eine abschließen. Da bin ich ganz Biathlon-Profi.
Fest scheint aber zu stehen, dass Ihre weiteren Pläne mit Biathlon zu tun haben werden.
Groß: Wenn man es solange gemacht hat, kommt man nicht mehr davon weg. Man hat ja versucht, den Sport ein Stück weit zu bringen, da möchte natürlich auch schauen, wie es da weitergeht.
Sie könnten sogar privat in die Nachwuchsförderung einsteigen. Sie haben ja drei Söhne. Ist es denkbar, dass Sie auch deren Trainer werden?
Groß: Da würde ich mich wahrscheinlich sehr, sehr schwer tun.
Warum?
Groß: Weil ich sehr viel verlangen würde.
Würden Sie eine Sportlerkarriere Ihrer drei Buben fördern?
Groß: Wenn sie es wollen, auf alle Fälle. Aber ich würde sie nie dazu zwingen. Denn ich weiß, was es heißt, Sportler zu sein.
Was sagen denn Ihre Söhne dazu, dass Sie jetzt aufhören?
Groß: Die Burschen sind schon froh. Wenn ich in den letzten Jahren meine Tasche gepackt habe, haben sie immer an der Größe der Tasche erkannt, wie lange ich weg bin. Und wenn dann mehrere Taschen dastanden, wussten sie auch, dass es zwei, drei Wochen dauern wird, bis ich wieder komme. Man hat den Kindern schon angesehen, dass es ihnen was ausmacht. Und jetzt freuen sie sich.
„Ich würde meine Buben nie zu einer Sportlerkarriere zwingen denn ich weiß, was es heißt, Sportler zu sein”
Und Ihre Frau Kathrin?
Groß: Die freut sich genauso. Auch wenn sie weiß, dass es nicht einfach wird, wenn ich plötzlich so oft da bin. Andererseits habe ich ja immer noch zu tun, bin zwischendurch für einige Tage in Köln. Das ganz normale Familienleben mit halb acht in der Früh aus dem Haus gehen und um 17 Uhr wieder daheim sein, wird‘s bei uns wohl eher nicht geben.
Das Gespräch führte Armin Gibis